Ein dumpfer Lärm wächst in der Luft, noch bevor die Öffnung zwischen der Vegetation sichtbar wird. Dann, plötzlich, öffnet sich der Dschungel zu etwas, das mit den Augen schwer zu messen ist: ein Felsenportal, das Dutzende von Metern hoch ist und breit genug, damit ein Hubschrauber eintreten kann, ohne die Wände zu berühren. Die Cueva del Fantasma, die Höhle des Gespenstes, befindet sich im Bundesstaat Bolívar, im Herzen der Gran Sabana Venezuelas, einer Region von Tepuis — den alten, plattförmigen Hochländern, die fast prähistorische Szenarien inspirieren. Diese Höhle ist nicht einfach nur groß: Sie ist eine der spektakulärsten Felsöffnungen des gesamten südamerikanischen Kontinents.
Die Höhle wurde in den frühen 2000er Jahren international bekannt, als wissenschaftliche Expeditionen und Dokumentarfilmer begannen, ihre Größe und Biodiversität zu dokumentieren. Der Zugang bleibt schwierig und erfordert Organisation, was den Ort vor einem Massentourismus bewahrt hat, der das außergewöhnlich fragile Ökosystem hätte gefährden können. Wer es schafft, dorthin zu gelangen, steht vor einem Schauspiel, das nur wenige Orte auf der Welt bieten können.
Die atemberaubenden Dimensionen
Die Hauptöffnung der Cueva del Fantasma misst etwa 150 Meter in der Breite und erreicht in einigen Abschnitten Innenhöhen von über 100 Metern. Es handelt sich nicht um eine dunkle Höhle, die man mit einer Taschenlampe durchqueren muss: Das natürliche Licht dringt tief durch die riesige Felsöffnung ein und beleuchtet Wasserfälle, die von oben herabstürzen und in Becken auf dem Boden der Höhle verschwinden. Die Wände tropfen ständig Wasser, bedeckt mit Moosen und Farnen, die den Felsen in einen lebendigen grünen Teppich verwandeln.
Im Inneren kann man mindestens zwei verschiedene Wasserfälle beobachten, die direkt in die Höhle fallen, gespeist von den reichlichen Regenfällen, die die Gran Sabana den größten Teil des Jahres prägen. Der Boden ist uneben, bedeckt mit Steinen und Sedimenten, und das Geräusch des Wassers vermischt sich mit einem anderen unverwechselbaren Klang: dem Knistern und Gesang von Tausenden von Vögeln.
Die Guácharos: die Bewohner der Höhle
Die Cueva del Fantasma beherbergt eine der größten Kolonien von Guácharos (Steatornis caripensis), die im Deutschen als Öl-Vögel bekannt sind. Diese nachtaktiven Vögel, einzigartig in ihrer Art, leben in Kolonien in Höhlen und orientieren sich in der Dunkelheit durch Echoortung, eine äußerst seltene Fähigkeit unter Vögeln. Ihre Nester befinden sich an hohen Felswänden, und ihr Ruf — ein heiserer und durchdringender Schrei — erfüllt die Höhle mit einem fast fremdartigen Klang.
Es ist ein visuelles und akustisches Erlebnis ohnegleichen, tausende dieser Tiere im Flug in einem so kolossalen Raum zu beobachten. Die Guácharos ernähren sich von ölhaltigen Früchten, die sie im umliegenden Dschungel finden, und kehren am Morgen zur Höhle zurück. Der beste Zeitpunkt, um sie in Bewegung zu sehen, ist daher bei Sonnenaufgang oder Sonnenuntergang, wenn sie in dichten Schwärmen ein- oder ausfliegen, die vorübergehend das Licht der Öffnung verdunkeln.
Wie man ankommt und was man vor der Abreise wissen sollte
Die Cueva del Fantasma zu erreichen erfordert ernsthafte Planung. Der häufigste Ausgangspunkt ist Ciudad Bolívar oder Santa Elena de Uairén, von wo aus Transfers mit Kleinflugzeugen oder Hubschraubern in die Region Gran Sabana organisiert werden. Es gibt keinen direkten Weg zur Höhle: Der letzte Abschnitt wird zu Fuß durch den Dschungel zurückgelegt, oft mit Unterstützung von einheimischen indigenen Führern der Pemón-Gemeinschaft, die das Gebiet kennen und ein integraler Bestandteil jedes verantwortungsvollen Besuchs sind.
Es ist unbedingt erforderlich, sich an einen lizenzierten lokalen Anbieter zu wenden: Die Gegend ist abgelegen, hat keinen Handyempfang und die Wetterbedingungen können sich schnell ändern. Wasserdichte Stiefel sind unerlässlich, da der Boden in der Höhle rutschig und immer nass ist. Der typische Besuch dauert einen ganzen Tag, einschließlich der Anreise und der Zeit, die in der Höhle verbracht wird. Es gibt kein standardisiertes Eintrittsticket: Die Kosten variieren je nach Anbieter und Art des gewählten Transports, aber es handelt sich um ein Erlebnis, das in die Kategorie Expeditionen und nicht in die gewöhnlichen Ausflüge fällt.
Warum sich jeder Aufwand lohnt
Die Cueva del Fantasma gehört zu der Kategorie von Orten, die die menschliche Wahrnehmung des Raumes neu definieren. Sie ist nicht mit einem Touristenbus erreichbar, hat keinen Kiosk am Eingang, es gibt keine erläuternden Schilder. Es gibt nur den Felsen, das Wasser, die Vögel und ein Licht, das von oben wie in einer natürlichen Kathedrale, die über Millionen von Jahren gebaut wurde, durchscheint. Die Gran Sabana ist ein Weltkulturerbe im Rahmen des Nationalparks Canaima, der 1994 von der UNESCO anerkannt wurde, und die Höhle stellt einen der wildesten und am wenigsten frequentierten Winkel dar.
Wer Landschaften sucht, die keinem anderen Ort auf der Erde ähneln, wird hier eine konkrete Antwort finden. Superlative sind nicht nötig: Es reicht, in dieser Höhle zu stehen, nach oben zu den Wasserfällen zu schauen und den Chor der Oilbirds zu hören, um zu verstehen, warum dieser Ort den Namen des Geistes trägt.