Es gibt etwas unwiderstehlich Bezauberndes an Ysternia, einem Dorf, das die Essenz der Zeit, der Schönheit und der Natur in einem eingefangen zu haben scheint. Als wir die kurvenreichen Straßen hinauffuhren und der Meltemi-Wind von Tinos unsere Gesichter durch die offenen Fenster sanft streichelte, wussten wir, dass wir an einen besonderen Ort fahren würden. Die Einheimischen hatten uns erzählt, dass die Sonnenuntergänge hier einem den Atem rauben, und wir waren begierig darauf, dieses Naturschauspiel zu erleben.
An den Hängen des Hügels Meroviglia gelegen, begrüßte uns Ysternia wie ein Amphitheater mit Blick auf die Ägäis, dessen weiße Strukturen im späten Nachmittagslicht sanft leuchteten. Wir parkten und stiegen aus, atmeten tief die Luft ein, die nach Distel und Thymian duftete. Die mit Marmor verkleideten Wege des Dorfes luden uns ein, als flüsterten sie uns Geschichten aus einer großen Vergangenheit zu, als Ysternia ein blühendes Zentrum der Kunst und des Reichtums war, das von seinen reichhaltigen Marmorbrüchen gespeist wurde.
Das Dorf ist mehr als nur eine malerische Kulisse; es ist ein lebendiges Museum für feines Marmorhandwerk. Ysternia ist der Geburtsort einiger der berühmtesten Bildhauer von Tinos, wie z. B. der Brüder Malakates und George Vitalis, deren Vermächtnis in den Stein gemeißelt ist, aus dem das Dorf besteht. Als wir durch die engen Gassen gingen, schien der Marmor unter und über uns lebendig zu werden, jedes Stück ein Kapitel in einer langen, sich entfaltenden Geschichte von Können und Tradition.
Die zweistöckigen kykladischen Herrenhäuser sind selbst Kunstwerke, deren Marmorstürze kunstvoll mit Mustern behauen sind, die den Lauf der Zeit überdauert haben. Auch die Fensterrahmen sind aus Marmor gemeißelt, jeder einzelne eine meisterhafte Mischung aus Form und Funktion. Enge Gassen locken weiter hinein, ihre Bögen spenden kühlen Schatten, während steile Straßen direkt in die Tiefe des Meeres zu stürzen scheinen.
Und dann sind da noch die Innenhöfe - Oasen der Farbe, die vor Bougainvillea und Geranien nur so strotzen, und von denen aus man einen Panoramablick hat, der bis nach Syros und an klaren Tagen sogar bis zu anderen Kykladeninseln am Horizont reicht.
Als die Sonne ihren Untergang begann und einen violetten Farbton über das ruhige Wasser der Ägäis warf, wurde uns klar, warum der Sonnenuntergang von Ysternia als ein Spektakel gepriesen wird, das man nicht verpassen sollte. Es war, als hätte sich die Sonne selbst dieses perfekte Amphitheater ausgesucht, um ihre letzte Verbeugung des Tages zu machen, und hinterließ uns in Ehrfurcht und Dankbarkeit für die Gelassenheit, die diese wunderschöne Ecke von Tinos bot. Das Erlebnis war eine harmonische Mischung aus natürlicher Schönheit und menschlicher Kunstfertigkeit, ein Moment, der zwischen Vergangenheit und Gegenwart schwebte, eine Erinnerung, die wie Ysternia selbst in Herz und Stein gemeißelt ist.