Der Vulcano Buono von Renzo Piano ist eines der überraschendsten und am wenigsten gefeierten Projekte des genuesischen Architekten: ein Einkaufszentrum, aber auch ein Werk der Land Art und Umweltarchitektur, entstanden zwischen 1995 und 2007 in Nola, im Hinterland nördlich von Neapel.
Es ist natürlich kein echter Vulkan, sondern ein umgekehrter künstlicher Krater, ein riesiger grüner künstlicher Hügel bis zu 41 Metern hoch, mit einem Basisdurchmesser von etwa 320 Metern und einer inneren „Mündung“ von 170 Metern. Von außen wirkt es wie ein weicher Berg, bedeckt mit Gras, Rosmarin, Salbei, Rosen und Tausenden mediterraner Pflanzen (rund 350.000 Exemplare gepflanzt): Es verschmilzt fast mit der kampanischen Landschaft und führt einen ironischen Dialog mit dem Vesuv, der am Horizont sichtbar ist.
Renzo Piano konzipierte es als zeitgenössische Version der griechischen Agora und des traditionellen Marktes: Im Zentrum liegt ein riesiger Leerraum, ein offener elliptischer Platz, der als soziales Herz dient. Hier finden Veranstaltungen, Konzerte, Treffen und Märkte statt; drumherum gruppieren sich Geschäfte, ein Hypermarkt, Restaurants, ein Multiplex mit 2.000 Plätzen, Freizeiträume und sogar ein kleines Hotel. Es ist ein Einkaufszentrum, das sich als Landschaft tarnt, bei dem das Einkaufen zweitrangig wird gegenüber der Idee eines Ortes kollektiven Zusammentreffens.
Wenig bekannte Besonderheiten und Details
- Das Dach ist lebendig und (teilweise) zugänglich: Die Abdeckung ist ein geneigter Dachgarten mit Wegen und Panoramapunkten mit Blick auf den Vesuv. Es ist nicht nur ästhetisch: Es sorgt für natürliche Wärmedämmung, reduziert Sommerhitze und filtert Licht durch spezielle solar-gesteuerte Oberlichter. Viele Besucher wissen nicht, dass man „auf dem Vulkan“ spazieren gehen kann!
- Geologische und spiegelnde Inspiration: Piano hat den Vesuv nicht kopiert, sondern eine Art umgekehrten Spiegel geschaffen. Das kegelstumpfförmige Profil ist weich und einladend (daher „buono“), im Gegensatz zum bedrohlichen Kegel des echten Vulkans. Es ist ein Spiel der Gegensätze: Zerstörung vs. Regeneration, Lava vs. Grün, Antike vs. Gegenwart.
- Das innere Licht ist magisch: Dank eines Systems von Zenith-Oberlichtern und gekrümmten weißen Wänden dringt natürliches Licht sanft in den Krater ein und erzeugt lange, suggestive Schatten wie in einem natürlichen Amphitheater. Die künstliche Beleuchtung (von Piero Castiglioni gestaltet) verwandelt den Platz nachts in eine mondäne Bühne.
- Ein sehr langes und „politisches“ Projekt: Begonnen 1995 für den Interporto Campano (Logistik-Hub), mit enormen Verzögerungen, Zweckänderungen und Eröffnung erst 2007 mit Romano Prodi anwesend. Piano verteidigte es als Experiment der zivilen Architektur gegen Bodenverbrauch: Statt Boxen und Parkplätzen zu verteilen, konzentrierte er alles in einem „Vulkan“ und gab der Landschaft Grün zurück.
- Fast verborgene Kuriosität: Im Krater gibt es einen kleinen Pinienwald (oder zentrale Grünfläche), der an die vor-eruptiven Vesuv-Wälder erinnert. Es ist eine Hommage an die geologische Erinnerung des Gebiets, aber auch ein Hinweis auf Zerbrechlichkeit: ein „guter Vulkan“, der nie ausbricht, aber daran erinnert, dass Kampanien im Schatten eines echten lebt.
Heute wird der Vulcano Buono etwas unterschätzt: Viele sehen nur ein etwas seltsames Einkaufszentrum, doch wer genau hinsieht, erkennt ein Meisterwerk der landschaftsintegrierten Architektur, ein Hybrid aus Gebäude, Hügel und öffentlichem Platz. Renzo Piano beschrieb es immer als Versuch, „die Menschen wieder von Angesicht zu Angesicht treffen zu lassen, wie in der antiken Agora, aber in einer Form, die von unserem Territorium spricht“.
Wenn du in der Nähe von Nola bist, steig auf das grüne Dach und schau zum Vesuv: Du verstehst, warum man ihn „den guten Vulkan“ nennt.