
Der Schlamm brodelt nur wenige Zentimeter unter deinen Füßen. Der Geruch von Schwefel ist sofort spürbar, fast physisch, und der Dampf steigt in weißen Säulen aus dem dunklen Boden auf, als würde die Erde atmen. Willkommen in Seltún, einem geothermischen Gebiet auf der Halbinsel Reykjanes, im Bezirk Krýsuvík, etwa 40 Kilometer südwestlich von Reykjavík. Hier hat die Landschaft nichts Zähmendes: Sie ist vulkanisch im wörtlichsten Sinne des Wortes.
Im Gegensatz zu Geysir, der jedes Jahr Hunderttausende von Touristen mit seinen spektakulären Geysiren anzieht, bleibt Seltún ein relativ wenig besuchter Ort, der über einen kurzen Holzsteg zugänglich ist, der sich zwischen kochenden Schlammbecken, mit gelbem Schwefel überzogenen Fumarolen und farbigen Mineraladern schlängelt, die den Boden rot, orange und grün färben. Es gibt keine Tickets zu kaufen, keine aufwendigen touristischen Barrieren: nur die arbeitende Erde.
Eine Landschaft, die sich vor deinen Augen verändert
Die überraschendste Eigenschaft von Seltún ist ihre sichtbare geologische Instabilität. Im 1999 zerstörte ein plötzlicher Dampfausbruch einen Teil des Gebiets und veränderte die Bodenbeschaffenheit radikal. Seitdem hat sich der Ort teilweise regeneriert, bewahrt jedoch noch die Spuren dieses Ereignisses: Einige Bereiche erscheinen rissig, mit Rissen, aus denen kontinuierlich heißer Dampf austritt. Beim Gehen auf dem Steg kann man grau-blaues Schlammpools beobachten, die langsam blubbern, mit Blasen, die sich bilden und an der Oberfläche mit einem dumpfen, rhythmischen Geräusch platzen.
Der Boden um die Wege ist mit Ablagerungen von kristallisiertem Schwefel bedeckt, die durch ihre intensive gelbe Farbe erkennbar sind, die im Kontrast zum Schwarz des Basaltgesteins steht. In einigen Fumarolen erreicht der Dampf Temperaturen von über 100°C, und die Schilder entlang des Weges erinnern die Besucher daran, niemals den Steg zu verlassen: Der Boden außerhalb kann ohne Vorwarnung nachgeben und verborgene Taschen mit kochendem Schlamm direkt unter der Oberfläche verbergen.
Die sensorische Erfahrung und ihr therapeutischer Wert
Seltún ist kein Spa im herkömmlichen Sinne, aber die Erfahrung, die es bietet, hat etwas zutiefst regenerierendes. Die mit Schwefelwasserstoff angereicherte Luft, obwohl stechend, schafft ein Gefühl der totalen Eintauchen in die natürliche Umgebung, das nur wenige Reiseziele nachahmen können. Einige lokale Traditionen schreiben den isländischen geothermischen Bädern heilende Eigenschaften für die Haut und die Atemwege zu, und allein das Stillstehen und Beobachten der brodelnden Becken erzeugt einen fast meditativen Effekt.
Die Halbinsel Reykjanes insgesamt ist seit 2015 als UNESCO Global Geopark klassifiziert, eine Auszeichnung, die die geologische Einzigartigkeit des gesamten Gebiets wertschätzt, von dem Seltún eines der zugänglichsten und visuell eindrucksvollsten Beispiele ist. Der Kontrast zwischen der Stille der umliegenden Landschaft — niedrige Hügel, spärliche Vegetation, der Himmel oft schwer mit Wolken — und der hektischen Aktivität im Untergrund macht den Besuch zu einer Erfahrung, die im Gedächtnis bleibt.
Wie man ankommt und wann man besucht
Seltún ist leicht mit dem Auto von der Hauptstadt aus zu erreichen: Von der Route 1 nimmt man die Route 42 in Richtung Krýsuvík, und das Gebiet ist mit klaren Schildern gekennzeichnet. Parken ist kostenlos und der Weg ist ohne Eintrittskosten zugänglich. Der Hauptweg dauert etwa 20-30 Minuten in gemächlichem Tempo, aber viele Besucher bleiben länger stehen, um die verschiedenen Becken zu beobachten und die Details des Geländes zu fotografieren.
Der wichtigste praktische Rat: geschlossene und robuste Schuhe tragen, keine Sandalen. Das Gelände rund um den Weg ist uneben, und bei Regen — was in Island zu jeder Jahreszeit häufig vorkommt — können die Holzplanken rutschig werden. Ein Besuch in den frühen Morgenstunden, vor zehn Uhr, bietet ein sanfteres Licht und weniger Besucher, auch wenn der Ort nie die Menschenmengen der Hauptziele erreicht. Im Winter ist der Dampf der Fumarolen noch spektakulärer, sichtbar aus der Ferne gegen den kalten Himmel, aber die Wetterbedingungen erfordern angemessene Kleidung.
Was zu erwarten ist und was nicht zu vergessen ist
Seltún ist kein Ort, um sich mit einem Cocktail in der Hand auf eine Liege zu entspannen. Es ist ein Ort, an dem die Erde dich daran erinnert, dass Island noch in der Entstehung ist, wo Vulkanismus keine Geschichte, sondern tägliche Realität ist. Bringen Sie Wasser mit, da es in der unmittelbaren Umgebung keine Gastronomiebetriebe gibt, und halten Sie die Kinder auf dem Weg nah bei sich. Die Schlammpools sind im zentralen Abschnitt des Weges am aktivsten, während die dampfreichsten Fumarolen sich im oberen Teil des Weges konzentrieren, von wo aus man an klaren Tagen auch einen guten Panoramablick auf den Kleifarvatn-See hat.
Wer die Reykjanes-Halbinsel besucht, kann Seltún mit einem Stopp am Kleifarvatn-See, der nur wenige Autominuten entfernt ist, und der berühmten Blauen Lagune kombinieren, die etwa 30 Kilometer entfernt liegt. So erhält man eine umfassende geothermische Route, die zwei sehr unterschiedliche Gesichter desselben Naturphänomens zeigt: eines wild und kostenlos, das andere gepflegt und kommerziell. Seltún ist das erste.
