Der Lärm kommt vor dem Bild. Noch verborgen hinter der Kurve des Pfades kündigt sich die Lower Falls im Johnston Canyon mit einem dumpfen Grollen an, das an den Wänden aus grauem Kalkstein widerhallt, immer lauter mit jedem Schritt. Als sie schließlich erscheint — eine Wasserfontäne, die in eine enge Schlucht von nur wenigen Metern Breite stürzt — wird das Getöse physisch: die Luft vibriert, die Tropfen setzen sich auf die Jacke, die Brille, die Haut.
Der Johnston Canyon liegt im Banff-Nationalpark in Alberta, etwa 26 Kilometer westlich des Zentrums von Banff entlang der Bow Valley Parkway. Es ist keine einfache Wanderung entlang eines Flusses: Es ist ein Weg, der buchstäblich an den vertikalen Wänden des Canyons befestigt ist, auf metallenen Gehwegen, die in den lebendigen Felsen genietet sind, über dem Wasser, das einige Meter weiter unten tosend fließt. Der Canyon wurde im Laufe von Tausenden von Jahren vom Johnston Creek gegraben, der das weiche Kalkstein erodiert hat und einen engen, gewundenen Korridor geschaffen hat, der an einigen Stellen weniger als sechs Meter breit ist.
Die zwei Wasserfälle: Lower und Upper Falls
Der Hauptweg teilt sich in zwei unterschiedliche Abschnitte. Der erste, etwa 1,1 Kilometer lang, führt zu den Lower Falls: einem Wasserfall von etwa 10 Metern Höhe, der in ein smaragdgrünes Becken stürzt, das von einer Aussichtsplattform aus sichtbar ist, die direkt in den Felsen gehauen wurde und durch einen kurzen Tunnel in der Kalksteinwand erreichbar ist. Die Aussicht von diesem Punkt ist sehr nah — man befindet sich praktisch im Wasserstrahl, umhüllt von Nebel und Lärm.
Nach weiteren 2,7 Kilometern erreicht man die Upper Falls, die höher und kraftvoller sind: etwa 30 Meter freier Fall in einem natürlichen Amphitheater aus dunklem Gestein, das von ständiger Feuchtigkeit durchzogen ist. Hier öffnet sich die Schlucht leicht, das Licht dringt von oben ein und die Wände zeigen die horizontalen Streifen der geologischen Schichten, die im Paläozoikum abgelagert wurden. Der Charakterunterschied zwischen den beiden Wasserfällen ist deutlich: Die Lower ist intim und klaustrophobisch, die Upper ist theatralisch und offen.
Jenseits der Schlucht: die Ink Pots
Wer an den Upper Falls anhält, verpasst den ungewöhnlichsten Teil der Wanderung. Wenn man etwa 3 Kilometer weiter über die Schlucht geht, tritt der Weg aus der Schlucht heraus und steigt zu einer alpinen Ebene an, wo sich die sogenannten Ink Pots befinden: sieben natürliche Quellen mit kaltem Wasser, die aus dem Boden sprudeln und Becken in variierenden Farben zwischen aquamarin, türkis und mattblau bilden, je nach Lichtwinkel und Konzentration der gelösten Mineralien. Der Farbeffekt ist real und dokumentierbar: Das Wasser sprudelt das ganze Jahr über bei einer konstanten Temperatur von etwa 4 Grad Celsius, und der Kontrast zwischen der offenen Ebene, den umliegenden Bergen und diesen stillen, farbigen Becken ist visuell beeindruckend.
Der gesamte Hin- und Rückweg zu den Ink Pots beträgt etwa 11,6 Kilometer mit einem positiven Höhenunterschied von etwa 215 Metern: zugänglich für Wanderer mit einer angemessenen Fitness, aber nicht geeignet für Personen mit motorischen Schwierigkeiten, insbesondere im Abschnitt der schmaleren Stege.
Wann gehen und praktische Tipps
Johnston Canyon ist einer der meistbesuchten Wanderwege im Banff National Park, was bedeutet, dass im Sommer — zwischen Juli und August — der Parkplatz an Wochenenden vor neun Uhr morgens voll ist. Der effektivste Rat ist, bis halb acht anzukommen, oder den Shuttlebus zu nutzen, der von Banff und Canmore abfährt: der Roam Transit bedient diese Strecke während der Sommersaison und ist die bequemste Lösung, um das Parkplatzproblem zu vermeiden und die Umweltbelastung zu reduzieren.
Der Weg ist auch im Winter begehbar, wenn die Wasserfälle teilweise gefrieren und spektakuläre Eisformationen schaffen, aber in diesem Fall sind Steigeisen unerlässlich. Im Sommer können die Metallstege aufgrund des Nebels, der von den Wasserfällen erzeugt wird, rutschig sein: rutschfeste Schuhe werden dringend empfohlen. Der Eintritt in den Banff National Park erfordert einen Parks Canada Discovery Pass oder die Zahlung eines Tagestickets, das für einen Erwachsenen etwa 10-11 kanadische Dollar kostet.
Die sensorische Erfahrung des Canyons
Was den Johnston Canyon von vielen anderen Wanderungen in den Rockies unterscheidet, ist die totale sensorische Dimension. Man läuft nicht neben dem Wasser: Man läuft in den Klang des Wassers, in seine Feuchtigkeit, in sein gebrochenes Licht. Die Kalksteinwände kommen manchmal so nah, dass man sie mit beiden Händen gleichzeitig berühren kann, und an diesen Stellen wird der Canyon selbst am helllichten Tag fast dunkel.
Der Stein selbst erzählt etwas: Die vom Wasser geglätteten Oberflächen zeigen Adern und Fossilien von Meeresorganismen, die vor Hunderten von Millionen Jahren lebten, als diese Region von einem flachen Meer bedeckt war. Sie zu suchen, während man darauf wartet, dass eine Gruppe von Wanderern über einen schmalen Steg geht, verwandelt das Warten in einen Moment unbeabsichtigter geologischer Beobachtung — eines der kleinen unerwarteten Vergnügen dieses Canyons.